Botschaft zum CSD 2014

Botschaft zum CSD 2014


Botschafter Robert EhrlichNew York City, USA, am 28.06.1969. Ein ganz normaler Samstag, eine ganz normale Polizeirazzia auf eine von LSBTI frequentierte Bar, den Stonewall Inn in der Christopher Street. Diesmal geschieht aber etwas Unerhörtes: Die Geprügelten verteidigen sich, organisieren sich sogar in den folgenden Tagen, um weitere Übergriffe der Staatsmacht besser abwehren zu können. An diesen Kristallisationspunkt, diesen Meilenstein in der Entwicklung eines selbstbewussten Widerstands gegen Unterdrückung, Vorurteile und Willkür erinnert der Christopher Street Day.

Während wir CSD feiern, werden andere – in knapp 70 Ländern – von der Justiz verfolgt. Die meisten Schlagzeilen kommen aus Afrika oder Russland, aber auch touristische „Traumziele“ wie Dubai, Jamaika und die Malediven sind für LSTBI hochgefährliche Orte. Etwa ein Dutzend Jurisdiktionen ahnden Homosexualität sogar mit der Todesstrafe, neuerdings auch Brunei. Die unerschrockenen Menschen, die sich in diesen Ländern zur Wehr setzen, brauchen dringend unsere Unterstützung, sie müssen im Extremfall ohne weitere Schikanen Asyl bekommen. Regierungen und NGOs müssen die Bereitstellung von Entwicklungshilfe eng mit der Wahrung der Menschenrechte von LSTBI verknüpfen.

Empört Euch! Aber bitte ohne zu vergessen, welch lange Wege gerade unsere EU-Heimatstaaten in kurzer Zeit gegangen sind. Mein eigenes Coming-Out im Oktober 1983 war zugleich und zwingend ein Schritt in die Illegalität. Mit 18 Jahren war ich zwar alt genug zu wählen, (eine Frau) zu heiraten oder als Soldat zu sterben; eine sexuelle Beziehung mit einem Mann blieb mir jedoch bis zu meinem 21. Geburtstag gesetzlich verboten. Razzien in der Szene waren an der Tagesordnung. Küssen oder Händehalten in Anwesenheit eines Dritten? Ein Kriminaldelikt: Erregung öffentlichen Ärgernisses. Die Gerichte erkannten in diesem Zusammenhang gerne die Aussagen polizeilicher Agents Provocateurs als Beweismittel an. Die Thatcher-Regierung versuchte „Homosexuelle Propaganda“ mit der berüchtigten „Clause 28“ auszulöschen. Britische Normalität, vor nur 30 Jahren.
In den 45 Jahren seit Stonewall haben viele Länder gleichgeschlechtliche Liebe entkriminalisiert oder gar rechtlich gleichgestellt. Der heftige Widerstand gegen die Rehabilitierung von Justizopfern (wie etwa Alan Turing) oder eine gründliche Aufklärung der verheerenden Konsequenzen verlogener Sexualmoral (wie in Irland) fängt an zu bröckeln. Malta und Spanien zeigen eindrucksvoll, dass die Staatsräson selbst erzkatholischer Nationen nicht zwangsläufig homophob sein muss. Auch wenn Bundeskanzlerin Merkel sich noch mit der vollständigen Gleichstellung „schwer“ tut, haben ihre französischen und britischen Amtskollegen sich längst von solchen Vorurteilen verabschiedet.
Beim CSD erinnern wir nicht nur: Wir danken allen, die zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben, und feiern die Errungenschaften von Rationalität, Toleranz und Offenheit gegen Dogma, Engstirnigkeit und Verdrängung!

IhrProf. Robert Ehrlich
Rektor der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig