Über uns | Forderungen


 

Das Leitbild und die Forderungen des Christopher Street Day Leipzig

1. Was ist der CSD Leipzig?

So wird der CSD Leipzig organisiert.

Die Stadt Leipzig und die demokratischen Parteien unterstützen die Leipziger CSD – Bewegung.

Der Leipziger CSD wird durch ein Bündnis von Vereinen, Initiativen, Selbsthilfegruppen, Studierendenvertretungen, engagierten Privatpersonen sowie von Künstler*innen organisiert. Basisdemokratisch werden inhaltliche Positionen besprochen, ein gemeinsamer Themenschwerpunkt ausgewählt und die Veranstaltungswoche sowie die Demonstration geplant.


2. Die CSD-Bewegung in Leipzig ist politisch – unsere Forderungen:
Vorwort/Präambel

Eine Vielzahl von Veranstaltungen und die Demonstration durch die Innenstadt thematisieren die aktuelle gesellschaftliche Situation von intergeschlechtlichen und asexuellen Menschen, Transgendern* sowohl schwul und lesbisch als auch bisexuellen Menschen. Aber auch den Menschen, die sich keiner dieser Kategorien zugehörig fühlen, bietet das CSD-Bündnis einen Raum. Die künstlerische, wissenschaftliche, gesundheitspolitische, kritische sowie auch internationale Auseinandersetzung mit Themenkomplexen vielfältiger Lebens- und Identitätskonzepte sind maßgebliche Inhalte des Leipziger CSD. Der politische Inhalt steht dabei über dem Unterhaltungscharakter. Durch Veranstaltungen werden soziale Missstände beleuchtet und deren Änderung bei politischen Entscheidungsträger*innen eingefordert. Dabei ist es uns wichtig, stets selbstreflektiert die eigene Arbeit zu betrachten und uns beispielsweise nicht als Werbeplattform für Großkonzerne herzugeben. Der Leipziger CSD hat das Ziel Ungerechtigkeiten transparent zu machen und diese abzubauen. Um ein gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen zu erreichen, ist es notwendig, gesellschaftliche, soziale, strukturelle und politische Machtverhältnisse in den Blick zu nehmen und zu hinterfragen. Ein weiteres Ziel des Leipziger CSD ist die Förderung der lokalen Selbsthilfestrukturen. Die Bedeutung dieser  wichtigen und essentiellen Arbeit soll ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Um unsere Forderungen und Ziele nachhaltig durchzusetzen, werden wir jegliche Art demokratischer und friedlicher Formen politischer Einflussnahme nutzen. Nach einem 25 jährigen Kampf vieler engagierter Menschen (Aktivist*innen, LSVD-Verbandsmitglieder, Politiker*innen) um die verfassungsmäßig garantierte Gleichbehandlung vor dem Gesetz, beschloss der Bundestag am 30. Juni 2017 mit einer breiten Mehrheit von SPD, Linken und Grünen sowie knapp einem Viertel der CDU/CSU-Fraktion die völlige rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen, einschließlich des uneingeschränkten Adoptionsrechts. Mit der Ehe für alle wird sich das gesellschaftliche Bewusstsein positiv verändern – doch Diskriminierungen sind damit nicht auf einen Schlag verschwunden.

1. Wir fordern, dass sich jeder Mensch, homo-bi-trans-inter-lesbisch-schwul-hetero, frei und sicher in Leipzig und anderswo bewegen kann. Niemand sollte körperliche, psychische, verbale und/oder strukturelle Gewalt zu befürchten haben!

Lesben, Schwule, Transgender* und intergeschlechtliche Menschen erfahren immer noch Ungerechtigkeiten und Verletzungen ihrer Persönlichkeitsrechte durch Behörden, Institutionen oder medizinische Einrichtungen. Es gibt leider noch viele Gründe für die CSD-Bewegung auf die Straße zu gehen, zu demonstrieren. Die Würde des Menschen ist unantastbar! Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

2. Wir fordern die Anerkennung von und respektvollen Umgang mit Geschlechtern und Orientierungen jenseits von Heteronormativität.

Nahezu sämtliche Gesellschaftsformen auf der Welt weisen Strukturen auf, die als „heteronormativ“ gekennzeichnet werden können. Heteronormativität, also das unhinterfragte Hinnehmen eines für natürlich gehaltenen Systems bestehend aus Mann und Frau, die sich gegenseitig und ausschließlich begehren, führt zu weitreichenden Ausschlüssen für all jene, die nicht in dieses System passen: Homosexualität und Bisexualität als eine andere Form des Begehrens werden ebenso marginalisiert, d.h als Abweichung von der Norm gewertet und sanktioniert, wie Transgender* und Intergeschlechtliche als andere Formen von Geschlechtlichkeit. Der sich daraus ergebende Heterosexismus ist ein unzumutbarer Zustand. Heteronormativität gilt es zu hinterfragen und zu überwinden! Die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Lebens-, Liebens- und Familienformen sowie aller Geschlechtlichkeiten sollte das Ziel sein. Mit der Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe ist das Ziel nicht erreicht. Vielmehr geht es darum weitere Vielfaltverhältnisse anzuerkennen, d.h. einen Rechtsstatus zu schaffen, der allen Menschen offen steht und somit beispielsweise Mehrfachbeziehungen und der Mehrfachelternschaft diesen Rechtstatus nicht vorenthält. Weiterhin fordern wir die Abschaffung von Ehegattensplitting, aber dafür die Einführung von „Familiensplitting“, denn Familie findet dort statt, wo Menschen für Kinder und einander Verantwortung übernehmen.

3. Wir fordern eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung in Gender- und Sexualpädagogik für alle relevanten Berufsbilder an Sächsischen Hochschulen und Universitäten!

Unkenntnis und Vorurteile gegenüber Lesben, intergeschlechtlichen Menschen, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern*, stellen eine wesentliche Triebfeder für Diskriminierungen bis hin zu Gewaltdelikten dar. Diese lassen sich nur dadurch bekämpfen, indem nicht nur strukturelle Veränderungen, wie z.B.die rechtliche Gleichstellung, eingefordert werden. Maßgeblich müssen Haltungen verändert werden, was unter anderem durch umfassende Aufklärungs-, Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit möglich ist. In Forschung und Lehre erfährt der Themenkomplex „sexuelle Identitäten“ kaum Beachtung. Eine moderne, aufgeklärte und lebensweltbezogene Sexualpädagogik ist für Studierenden an Sächsischen Hochschulen nicht zugänglich, findet jedoch ihre Entsprechung in den Lehrplänen der sächsischen Schulen und in der Vorschulbildung. Dieser Widerspuch führt dazu, dass Sexualpädagogik im Unterricht praktisch nicht stattfindet.

4. Wir fordern ein gesetzliches Verbot medizinischer Eingriffe sowie den sofortigen Stopp der gängigen medizinischen Praxis an intergeschlechtlichen Menschen.

Intergeschlechtlichkeit, also das Aufweisen körperlicher Merkmale beider Geschlechter bzw. eine uneindeutige Geschlechtlichkeit, wird von der Medizin als „Sexualdifferenzierungsstörung“ bezeichnet und meist ohne medizinische Notwendigkeit „behandelt“. Auch intergeschlechtliche Menschen besitzen ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

5. Wir fordern für intergeschlechtliche Menschen und deren Erziehungsberechtigten eine umfassende, neutrale Aufklärung, die Anerkennung von Intergeschlechtlichkeit als natürliche Variante von Geschlechtlichkeit sowie eine entsprechende standesamtliche Personenstandsbezeichnung.

Die Pathologisierung von Intergeschlechtlichkeit und damit einhergehend der Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit hat zur Folge, dass Kinder mit uneindeutigen Genitalien in der Regel kurze Zeit nach der Geburt geschlechtsangleichenden Operationen (z.B. Kastration, Klitorisverkleinerung, Anlegen einer Neovagina) unterzogen werden, die in vielen Fällen mit Komplikationen verbunden sind und oft lebenslange Hormontherapien nach sich ziehen. Von vielen Betroffenen wird dies im Nachhinein als äußerst traumatisierend beschrieben. Seit 2013 kann bei einem Neugeborenem mit uneindeutigem Geschlechtsmerkmal der Eintrag männlich/weiblich im Geburtenregister des Standesamtes frei bleiben. Das deutsche Rechtssystem muss die Existenz intergeschlechtlicher Menschen akzeptieren und eine Form des Personenstandes schaffen, der intergeschlechtlichen Personen und ihrer Würde gerecht wird.

6. Wir fordern Gleichwertigkeit und volle gesellschaftliche Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Identitäten und Körperlichkeiten wie Intergeschlechtlichkeit und Transidentität. Wir fordern eine neue Definition der rechtlichen Anforderungen an eine Veränderung des Geschlechts in den amtlichen Registern.

Transgender* müssen das Recht haben, ihre Lebensweise selbst zu bestimmen – in ihrer Identität bei, der Ausgestaltung ihrer Geschlechtsrolle wie auch bei ihrer Partner*innenwahl. Transgender* mussten bisher für die gerichtliche Feststellung einer Änderung ihrer Geschlechtszugehörigkeit nachweisen, dass Sie nicht verheiratet sind, dauernd fortpflanzungsunfähig sind und sich einem ihre äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen haben, durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts erreicht worden ist. Mit der Operation sollte dem Gesetz nach „die Ernsthaftigkeit und Dauerhaftigkeit“ der Transidentität unter Beweis gestellt werden. Diesen Zwang haben die Karlsruher Richter des Bundesverfassungsgerichts nun für unvereinbar mit der Menschenwürde und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit erklärt und damit das Transsexuellengesetz außer Kraft gesetzt. Trotzdem werden Transgendern* oft die von ihnen gewünschten Hormonbehandlungen und Operationen – insbesondere im Jugendalter – vorenthalten bzw. nur über einen langen juristischen und psychopathologischen Weg ermöglicht. Dies steht im krassen Widerspruch zu Operationen, die an intergeschlechtlichen Menschen scheinbar selbstverständlich und in der Regel ohne deren Zustimmung vorgenommen werden. Weiterhin ist die Alltagsdiskriminierung, der sie sich stellen müssen, massiv.

7. Wir fordern die Anerkennung der Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität als Asylgrund und Zuzugsregelungen für Partner*innen!

LGBTI* werden weltweit in rund 80 Staaten strafrechtlich verfolgt, wobei insbesondere Transgender in vielen Ländern massiven Übergriffen ausgesetzt sind – bis hin zu Folter und Mord. Verfolgerstaaten verhindern seit langem, dass diese unhaltbare Situation auf UN-Ebene als Asylgrund anerkannt wird.

8. Wir fordern, dass die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten auch im Alter frei von Diskriminierung gelebt werden kann.

Besonders in Pflege- und/oder Wohneinrichtungen für ältere Menschen sollte der Umgang damit selbstverständlich sein.

9. Wir fordern, dass den Menschen, die sich selbst als asexuell beschreiben, gesellschaftliche Sichtbarkeit und politische Interessenvertretung geschaffen wird.
10. Wir fordern die Ergänzung von § 46 Abs. 2 StGB.

Im Stafgesetzbuch werden „rassistische, fremdenfeindliche oder sonstige menschenverachtende“ Ziele des Täters als Strafzumessungsgrund in der Strafzumessungsregel des Paragraphen besonders hervorgehoben. Wir begrüßen den Zusatz an sich, befinden ihn aber für unzureichend. Bleibt es bei der Formulierung „sonstiger menschenverachtender“ Motive, sind interfeindliche, homofeindliche und/oder transfeindliche Gewalttaten weiterhin unsichtbar. Sie müssen benannt werden.

11. Wir fordern, dass die hier benannten Probleme als gesamtgesellschaftliche Probleme begriffen werden!

Das bedeutet, dass es sich bei ausgrenzendem und diskriminierendem Verhalten nicht um Probleme Einzelner oder gesellschaftlicher Teilgruppen handelt, sondern um etwas, das in allen Milieus zu finden ist und das sich als Struktur durch die Gesellschaft zieht! Homo-, Bi-, Trans- und Interfeindlichkeit können außerdem nicht losgelöst von anderen Ungleichheiten betrachtet und schon gar nicht verändert werden! Wir kritisieren ebenso weitere gesellschaftliche Machtverhältnisse wie sie sich z.B. in Sexismus, Rassismus, Klassismus, Diskriminierung auf Grund von Aussehen und Feindlichkeit gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen ausdrücken! Eine Emanzipation einer Gruppe kann und darf nicht auf Kosten anderer erfolgen!